Was ist Diskursethik und warum funktioniert sie nicht bei religiösen Überzeugungen: Definition des Problemfelds
Die von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel entwickelte Diskursethik geht davon aus, dass moralische Normen durch rationalen Dialog zwischen gleichberechtigten Teilnehmern begründet werden können. Nach diesem Modell hängt die Legitimität jeder Behauptung von ihrer Fähigkeit ab, einer kritischen Prüfung in einer idealen Sprechsituation standzuhalten, in der alle Teilnehmer gleichberechtigten Zugang zur Argumentation haben und nach Konsens streben (S011).
Das Projekt rationaler Ethik versteht Diskurs als Instrument zur Erreichung universeller Übereinstimmung. Mehr dazu im Abschnitt Judentum.
- Universalisierung
- Jede Norm muss für alle betroffenen Parteien unter der Bedingung rationaler Betrachtung der Konsequenzen akzeptabel sein.
- Diskursprinzip
- Die Legitimität einer Norm wird durch das Verfahren argumentativer Diskussion bestimmt.
- Ideale Sprechsituation
- Alle Teilnehmer haben gleiche Möglichkeiten zur Formulierung und Kritik von Argumenten, ohne Zwang und Manipulation (S011).
Dieses Modell setzt voraus, dass Wahrheit und Richtigkeit durch rationalen Konsens erreicht werden können. Religiöser Glaube funktioniert jedoch anders.
⚠️ Warum religiöse Überzeugungen aus diesem Schema herausfallen
Religiöser Glaube unterliegt seiner epistemologischen Natur nach nicht den Anforderungen der Diskursethik. Erstens erfordert er keine rationale Verifikation – Glaube ohne Beweise ist sein wesentliches Merkmal. Wie in der Ontologie des Dialogs angemerkt wird, „wird gerade über den Glauben ohne Treue, den Glauben ohne Werke gesagt, dass ‚auch die Dämonen glauben und zittern'" (S012) – Glaube lässt sich nicht auf intellektuelle Zustimmung zu Propositionen reduzieren.
Religiöse Überzeugungen appellieren oft an die Autorität von Offenbarung, Tradition oder persönlicher Erfahrung, die per definitionem keiner intersubjektiven Überprüfung unterzogen werden können. Die Idee des Konsenses als Ziel des Dialogs ist dem religiösen Diskurs fremd, wo die Wahrheit im Voraus gegeben ist und nicht durch Diskussion revidiert werden kann.
🧩 Implizite Sozialität und das Paradox der Universalität
Das Konzept der „impliziten Sozialität" – der vorgegebenen Möglichkeit zur Schaffung einer „guten" Gesellschaft – deckt die immanenten Probleme der Idee eines allgemeinen Konsenses auf (S001). Wenn Übereinstimmung bereits als Bedingung der Möglichkeit von Dialog vorausgesetzt wird, dann werden religiöse Gemeinschaften, die von inkompatiblen ontologischen Prämissen ausgehen, aus dem Raum rationalen Diskurses ausgeschlossen.
| Denkmodus | Wahrheitsquelle | Revisionsmöglichkeit |
|---|---|---|
| Diskursethik | Rationaler Konsens | Ja, durch Dialog |
| Religiöser Glaube | Offenbarung, Tradition, Erfahrung | Nein, Wahrheit ist vorgegeben |
Das Paradox besteht darin, dass die Diskursethik, die Universalität beansprucht, jene Denkformen nicht einschließen kann, die ihre Grundprinzipien nicht anerkennen. Das Problem liegt nicht in der „Irrationalität" der Gläubigen, sondern in der strukturellen Inkompatibilität epistemologischer Modi. Dieser Unterschied ist kein Defekt, der korrigiert werden muss, sondern ein fundamentales Merkmal, das verstanden werden muss.
Der Stahlmann: Sieben starke Argumente für die Unmöglichkeit eines rationalen Dialogs über Glauben
Bevor man die Position zur Unmöglichkeit eines rationalen religiösen Dialogs kritisiert, muss sie in ihrer überzeugendsten Form dargestellt werden. Dies ist kein Strohmann, sondern ein Stahlmann — die maximal starke Version des Arguments, die ernsthafte Betrachtung verdient. Mehr dazu im Abschnitt Neuheidentum.
🧠 Das Argument der epistemologischen Inkommensurabilität
Religiöses und wissenschaftlich-rationales Denken operieren mit inkommensurablen Wahrheitskriterien. Für den rationalen Diskurs wird Wahrheit durch Übereinstimmung mit empirischen Daten, logische Widerspruchsfreiheit und intersubjektive Überprüfbarkeit bestimmt. Für den religiösen Glauben wird Wahrheit durch Offenbarung, die Autorität heiliger Texte, persönliche spirituelle Erfahrung oder Tradition bestimmt.
Diese Kriterien sind nicht nur unterschiedlich — sie schließen sich gegenseitig aus. Der Versuch, rationale Kriterien auf religiöse Aussagen anzuwenden, wird von Gläubigen als kategorialer Fehler wahrgenommen, vergleichbar mit dem Versuch, die Schönheit eines Gedichts in Kilogramm zu messen. Kommunikation erfordert gemeinsame Grundlagen zur Bewertung von Aussagen (S008), die in diesem Fall nicht existieren.
- Rationales Kriterium: empirische Überprüfbarkeit und logische Widerspruchsfreiheit
- Religiöses Kriterium: Offenbarung, Textautorität, persönliche Erfahrung, Tradition
- Ergebnis: Inkommensurabilität der Grundlagen, Unmöglichkeit einer gemeinsamen Sprache
⚠️ Das Argument der Schutzmechanismen des Glaubens
Religiöse Glaubenssysteme haben evolutionär mächtige Schutzmechanismen gegen rationale Kritik entwickelt. Das Konzept der „Glaubensprüfung" verwandelt jeden Zweifel in eine Tugend statt in ein Problem. Die Idee des „göttlichen Mysteriums" macht Unbegreiflichkeit nicht zu einem Mangel, sondern zu einer Stärke der Lehre. Das Prinzip „Glaube über Vernunft" erklärt direkt die Priorität des Irrationalen über das Rationale.
Jeder Versuch eines rationalen Dialogs stößt auf eingebaute Abwehrmechanismen, die Kritik als Bestätigung der Richtigkeit des Glaubens interpretieren: Versuchung des Teufels, Prüfung durch Gott, Machenschaften der Feinde der Wahrheit.
Diese Mechanismen sind nicht zufällig — sie sind funktional notwendig für die Erhaltung religiöser Identität unter den Bedingungen rationaler Herausforderung.
🧬 Das Argument der kognitiven Architektur
Neurokognitive Forschungen zeigen, dass religiöse Überzeugungen vom Gehirn anders verarbeitet werden als faktische Aussagen über die Welt. Sie sind mit Systemen der emotionalen Regulation, sozialen Identität und existenziellen Sinngebung verbunden, nicht mit Systemen logischer Schlussfolgerung.
Der Versuch, eine religiöse Überzeugung durch rationale Argumentation zu ändern, gleicht dem Versuch, Depression mit Syllogismen zu heilen — das Werkzeug entspricht nicht der Natur des Problems. Religiöser Glaube ist in tiefen Strukturen der Selbstidentifikation verwurzelt, und seine Veränderung erfordert nicht logische Argumente, sondern eine Transformation der Persönlichkeit auf der Ebene grundlegender Werte und Lebensnarrative.
🕳️ Das Argument der sozialen Funktion des Glaubens
Religiöse Überzeugungen erfüllen kritisch wichtige soziale Funktionen: Sie gewährleisten Gruppenidentität, moralische Koordination, existenziellen Komfort und soziale Solidarität. Rationale Kritik an Religion wird nicht als intellektuelle Übung wahrgenommen, sondern als Bedrohung des sozialen Gefüges der Gemeinschaft.
Dialog über Glauben im interkulturellen Kontext erfordert die Anerkennung dieser Funktionen und kann nicht auf den Austausch propositionaler Aussagen reduziert werden (S009). Der Versuch, Glauben zu rationalisieren, bedeutet die Zerstörung seiner sozialen Wirksamkeit — Religion funktioniert gerade deshalb, weil sie keine rationalen Grundlagen erfordert.
🧩 Das Argument der Asymmetrie der Beweislast
Im rationalen Diskurs liegt die Beweislast bei demjenigen, der eine positive Behauptung aufstellt. Religiöser Glaube versteht sich jedoch nicht als Hypothese, die eines Beweises bedarf — er versteht sich als grundlegende Gegebenheit, selbstevidente Wahrheit oder Offenbarung.
Die Forderung nach Beweisen wird als Missverständnis der Natur des Glaubens wahrgenommen. Andererseits kann der Atheist oder Skeptiker auch nicht die Nichtexistenz Gottes in einem Sinne „beweisen", der den Gläubigen zufriedenstellen würde. Es entsteht eine Asymmetrie: Jede Seite fordert von der anderen Beweise nach ihren eigenen Kriterien, die die andere Seite nicht als legitim anerkennt.
⚠️ Das Argument der historischen Ineffektivität
Die Geschichte religiöser Auseinandersetzungen demonstriert die erstaunliche Ineffektivität rationaler Argumentation bei der Veränderung religiöser Überzeugungen. Jahrtausende theologischer Debatten haben nicht einmal zu einem Konsens über grundlegende Fragen geführt.
Religiöse Spaltungen entstehen nicht aus Mangel an Argumenten, sondern aus Unterschieden in der Interpretation von Autoritäten, persönlicher Erfahrung oder soziopolitischen Faktoren. Wäre rationaler Dialog effektiv, würden wir eine Konvergenz religiöser Ansichten beobachten. Stattdessen sehen wir eine beständige Vielfalt inkompatibler Systeme.
Dies bezeugt, dass Rationalität nicht der bestimmende Faktor bei der Bildung religiöser Überzeugungen ist. Vgl. logische Fehler in religiösen Argumenten und Mechanismen ihrer Beständigkeit.
🔁 Das Argument des hermeneutischen Zirkels
Die Interpretation religiöser Texte und Erfahrungen geschieht immer innerhalb eines hermeneutischen Zirkels: Wir verstehen die Teile durch das Ganze und das Ganze durch die Teile, aber das Ganze selbst ist durch ein Vorverständnis vorgegeben, das durch unsere Tradition und unseren Glauben bestimmt wird.
Gläubige und Ungläubige lesen denselben Text, sehen aber Unterschiedliches darin, weil ihr Vorverständnis verschieden ist. Rationaler Dialog setzt die Möglichkeit voraus, aus diesem Zirkel herauszutreten zu einer neutralen Position, aber eine solche Position existiert nicht — jede Interpretation ist bereits mit Voraussetzungen beladen. Die Ontologie des Dialogs erkennt an, dass Verstehen immer kontextuell ist und nicht vollständig in rationalen Begriffen expliziert werden kann (S012).
- Hermeneutischer Zirkel
- Zyklische Struktur des Verstehens, bei der Teile durch das Ganze und das Ganze durch die Teile interpretiert werden; das Vorverständnis bestimmt die Interpretation, die dann dieses Verständnis bestätigt oder modifiziert.
- Vorverständnis (Vorverständnis)
- Implizite Voraussetzungen, Traditionen und Überzeugungen, die der Gläubige in die Interpretation des Textes einbringt; kann nicht vollständig durch rationale Kritik eliminiert werden.
- Neutrale Position
- Fiktiver Standpunkt, frei von allen Voraussetzungen; existiert in Wirklichkeit nicht, da jeder Beobachter sich bereits innerhalb eines bestimmten Verstehenshorizonts befindet.
Empirische Überprüfung: Was Forschungen über die Möglichkeit interreligiösen und religiös-säkularen Dialogs sagen
Trotz theoretischer Argumente über die Unmöglichkeit rationalen Dialogs über Glauben gibt es eine umfangreiche Praxis interreligiösen und interkulturellen Dialogs. Forschungen zeigen: Rationaler Streit über religiöse Wahrheit ist unmöglich, aber Dialog über gemeinsames Leben funktioniert. Mehr dazu im Abschnitt Hinduismus.
📊 Programme interreligiösen Dialogs: Wann funktioniert es, wann nicht
Die UNESCO realisiert Programme interkulturellen Dialogs, die auf Toleranz und Integration ausgerichtet sind (S001). Entscheidend: Diese Programme zielen nicht auf Konsens in Fragen religiöser Wahrheit ab.
Stattdessen konzentrieren sie sich auf praktische Aspekte: Migration, wirtschaftliche Integration, Bildung. Effektiver Dialog ist möglich, wenn er gemeinsames Leben betrifft, nicht Wahrheit.
Rationaler Streit über religiöse Wahrheit ist unmöglich, aber Dialog über gemeinsames Leben ist möglich — vorausgesetzt, die Teilnehmenden erkennen die Legitimität von Unterschieden an.
🧪 Kommunikation im digitalen Raum: Echokammern und strukturierter Dialog
Aktuelle Forschungen zeigen: Im Online-Raum werden religiöse Debatten aggressiver und polarisierter als offline (S005). Gründe sind Anonymität, fehlende nonverbale Signale, algorithmische Filterung.
Strukturierte Formate mit Moderation und klaren Regeln reduzieren jedoch Toxizität und erhöhen gegenseitiges Verständnis — selbst wenn sich Überzeugungen nicht ändern. Dies weist auf einen Unterschied zwischen Zielen hin: Glaubensänderung ist unmöglich, aber Verbesserung der Kommunikationsqualität ist real.
| Dialogbedingung | Ergebnis |
|---|---|
| Ohne Moderation, Anonymität | Polarisierung, Aggression, Echokammern |
| Strukturiertes Format, Moderator | Reduktion von Toxizität, Zunahme gegenseitigen Verständnisses |
| Fokus auf praktische Probleme | Möglichkeit der Kooperation ohne Konsens |
🔬 Mehrdimensionale Bewertung: Emotion, Soziales, Praxis, Sinn
Erfolg von Dialog kann nicht nur nach dem Kriterium rationaler Argumentation bewertet werden (S002). Mehrere Dimensionen müssen gleichzeitig berücksichtigt werden.
- Emotionale Dimension
- Empathie, Respekt, Anerkennung der Würde des Anderen. Kann sich auch bei Meinungsverschiedenheiten über Doktrinen entwickeln.
- Soziale Dimension
- Gruppenidentität, Statusbeziehungen, Anerkennung von Gleichberechtigung. Blockiert oft Dialog, wenn eine Seite sich benachteiligt fühlt.
- Pragmatische Dimension
- Erreichen praktischer Ziele: gemeinsame Lösung von Problemen in Ökologie, Gerechtigkeit, Bildung. Hier ist Dialog am effektivsten.
- Existenzielle Dimension
- Sinnsuche, Authentizität, spirituelle Erfahrung. Bleibt oft inkommensurabel zwischen Traditionen, kann aber Gegenstand gegenseitigen Interesses sein.
Dialog kann auf einigen Dimensionen erfolgreich und auf anderen erfolglos sein. Teilnehmende können zu keiner Einigung über Doktrinen kommen, aber gegenseitigen Respekt und Kooperationsfähigkeit entwickeln.
🧾 Neudenken der Diskursethik: Von Konsens zu Gerechtigkeit
Zeitgenössische Philosophie verzichtet auf die Idee universellen Konsenses als realistisches Ziel (S003). Stattdessen fokussiert sie auf prozedurale Aspekte gerechten Dialogs: gleicher Zugang zur Äußerung, Schutz vor Manipulation, Anerkennung der Pluralität von Rationalitäten.
Diskursethik wird neu gedacht nicht als Methode zur Wahrheitsfindung, sondern als Kritik an Machtstrukturen, die Kommunikation blockieren. Ziel ist nicht, Gläubige von der Unrichtigkeit ihres Glaubens zu überzeugen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen niemand Überzeugungen durch Zwang auferlegen kann.
Gerechter Dialog ist nicht Wahrheitssuche, sondern Schutz vor Manipulation und Gewährleistung gleicher Möglichkeiten zur Äußerung.
📊 Bedingungen erfolgreichen Dialogs: Praktische Schlussfolgerungen
Forschungen zeigen: Erfolgreiche Interaktion zwischen Vertretern verschiedener religiöser Traditionen ist möglich unter Einhaltung bestimmter Bedingungen (S004).
- Anerkennung der Legitimität von Unterschieden — nicht der Versuch, alles auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sondern Respekt vor Inkommensurabilität.
- Fokus auf praktische Probleme, die gemeinsame Lösungen erfordern: Ökologie, soziale Gerechtigkeit, Bildung.
- Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen für Dialog, die Teilnehmende vor Druck schützen und gleiche Möglichkeiten gewährleisten.
- Explizite Trennung der Ziele: nicht Glaubensänderung, sondern Verbesserung gegenseitigen Verständnisses und Kooperationsfähigkeit.
Solcher Dialog führt nicht zur Konvergenz religiöser Ansichten, reduziert aber Konfliktpotenzial und erhöht die Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln. Das ist nicht das Ideal, aber es funktioniert.
Mechanismen und Kausalität: Warum rationale Argumente religiöse Überzeugungen nicht ändern
Religiöse Überzeugungen entstehen nicht durch rationale Ableitung aus Daten, sondern durch ein Zusammenspiel kognitiver Mechanismen, die auf vorreflexiver Ebene arbeiten. Das Verständnis dieser Architektur erklärt, warum Logik hier machtlos ist. Mehr dazu im Abschnitt Quellen und Beweise.
🧬 Neurokognitive Grundlagen religiösen Glaubens
Vier Mechanismen arbeiten automatisch: hyperaktive Agentenwahrnehmung (wir sehen Absichten dort, wo keine sind), teleologisches Denken (wir suchen Zwecke in natürlichen Prozessen), dualistische Intuition (Trennung von Seele und Körper), moralische Intuition (angeborene Gefühle, die später durch religiöse Narrative rationalisiert werden).
Der Versuch, religiöse Überzeugungen durch Argumentation zu ändern, gleicht dem Versuch, eine optische Täuschung durch Erklärung zu ändern – selbst wenn wir den Mechanismus verstehen, sehen wir weiterhin die Täuschung. Diese Systeme unterliegen nicht der bewussten Kontrolle.
🔁 Motiviertes Denken und Identitätsschutz
Religiöse Überzeugungen sind keine isolierten Ideen, sondern Kern der persönlichen und Gruppenidentität. Ihre Veränderung bedeutet eine Transformation des gesamten Systems von Selbstverständnis, sozialen Bindungen und Lebenssinn.
Motiviertes Denken zeigt sich gerade hier besonders stark: Menschen suchen aktiv nach Wegen, ihre Überzeugungen vor Bedrohung zu schützen, statt Argumente passiv zu bewerten. Das ist keine Irrationalität – es ist eine rationale Strategie zum Schutz psychologischer Integrität.
⚠️ Backfire-Effekt: Wenn Argumente Überzeugungen verstärken
| Szenario | Mechanismus | Ergebnis |
|---|---|---|
| Präsentation von Gegenfakten | Werden als Bedrohung der Identität wahrgenommen | Abwehrmechanismen werden aktiviert |
| Person generiert Gegenargumente | Sucht nach Schwachstellen in der Kritik | Verfestigung der ursprünglichen Überzeugung |
| Kritik an Religion | Wird als spirituelle Prüfung interpretiert | Glaube wird stärker |
Paradox: Fakten, die tiefen Überzeugungen widersprechen, schwächen diese oft nicht, sondern verstärken sie. Die Person wehrt den „Angriff" erfolgreich ab und festigt ihre Position – der Effekt ist besonders stark bei religiösen Überzeugungen, wo jede Kritik uminterpretiert werden kann.
🧩 Bestätigungsfehler und selektive Aufmerksamkeit
Gläubige und Nichtgläubige nehmen bei denselben Fakten unterschiedliche Aspekte wahr, interpretieren sie unterschiedlich und erinnern sich an unterschiedliche Details.
- Gläubige bemerken „wundersame" Zufälle, ignorieren unerfüllte Gebete
- Nichtgläubige bemerken Widersprüche in Texten, ignorieren positive soziale Effekte
- Beide halten sich aufrichtig für objektiv, ohne die systematische Verzerrung zu bemerken
Der Bestätigungsfehler – die Tendenz, Informationen zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, die bestehende Überzeugungen bestätigen – macht rationalen Dialog über Glauben äußerst schwierig. Das ist kein Bildungsdefizit, sondern eine fundamentale Eigenschaft der Informationsverarbeitung bei identitätsbezogenen Themen. Um zu verstehen, wie logische Fehler in religiösen Argumenten funktionieren, muss man diese Architektur berücksichtigen, statt auf die Kraft der Logik zu hoffen.
Konflikte und Ungewissheiten: Wo Quellen divergieren und warum das wichtig ist
Die Analyse der Quellen zeigt mehrere Bereiche auf, in denen erhebliche Divergenzen hinsichtlich der Möglichkeit und Wünschbarkeit eines rationalen Dialogs über Glauben bestehen. Mehr dazu im Abschnitt Realitätsprüfung.
⚠️ Universalismus versus Partikularismus in der Dialogethik
Die Habermassche Diskursethik geht von universalistischen Prämissen aus: Es existieren universelle Prinzipien der Rationalität, die von allen Dialogteilnehmern anerkannt werden müssen. Postkoloniale und multikulturelle Kritik weist jedoch darauf hin, dass die Idee universeller Rationalität selbst ein Produkt der westlichen philosophischen Tradition ist und keinen Anspruch auf Neutralität erheben kann (S001).
Nicht-westliche Kulturen können alternative Konzeptionen von Rationalität, Dialog und Wahrheit haben, die nicht weniger legitim sind. Der Versuch, das westliche Modell diskursiver Ethik als universell durchzusetzen, stellt eine Form epistemologischer Gewalt dar.
| Position | Prämisse | Konsequenz |
|---|---|---|
| Universalismus | Einheitliche Rationalitätsstandards für alle | Religiöser Glaube außerhalb rationalen Diskurses |
| Partikularismus | Pluralität von Rationalitäten und Wahrheiten | Gemeinsame Kriterien zur Argumentbewertung gehen verloren |
🧩 Konsens als Ziel versus Konsens als Illusion
Die klassische Diskursethik betrachtet Konsens als regulative Idee und Ziel rationalen Dialogs (S001). Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass die Idee eines allgemeinen Konsenses nicht nur unerreichbar, sondern auch unerwünscht ist – sie unterdrückt legitime Vielfalt und kann als Instrument der Dominanz dienen.
Der Versuch, eine „gute" Gesellschaft durch rationalen Konsens zu schaffen, kann zu totalitären Konsequenzen führen. Das Ziel des Dialogs liegt nicht im Erreichen von Übereinstimmung, sondern in der Aufrechterhaltung eines Raums für Dissens, in dem verschiedene Positionen ohne Gewalt koexistieren können.
Dies verändert die Erfolgskriterien des Dialogs radikal. Statt der Frage „haben wir Übereinstimmung erreicht?" stellt sich die Frage „haben wir gegenseitige Anerkennung trotz Meinungsverschiedenheit bewahrt?" (S005).
🔀 Dialog als Instrument versus Dialog als Theater
Untersuchungen zum wissenschaftlichen Konsens und dessen Angriffen zeigen, dass interreligiöser Dialog oft zum Theater wird, in dem jede Seite vorgefertigte Positionen reproduziert (S002). Die Teilnehmer hören einander nicht zu, sondern warten auf ihre Gelegenheit zu sprechen.
Alternative: Dialog als gemeinsame Erforschung von Ungewissheit, bei der beide Seiten bereit sind, eigene Prämissen zu überdenken. Dies erfordert jedoch psychologische Bereitschaft, die im Kontext tief verwurzelter Überzeugungen selten anzutreffen ist.
- Dialog-Theater: Positionen fixiert, Ziel – Sieg in der Debatte
- Dialog-Forschung: Positionen offen, Ziel – Verständnis der Überzeugungsmechanismen
- Dialog-Koexistenz: Positionen als inkompatibel anerkannt, Ziel – friedliche Raumteilung
📍 Praktische Bedeutung der Divergenzen
Diese Divergenzen sind nicht akademisch. Sie bestimmen, wie wir Bildungsprogramme, interkonfessionelle Räte und Integrationspolitik gestalten. Wenn wir an universelle Rationalität glauben, werden wir von religiösen Gemeinschaften verlangen, säkulare Argumentationsstandards und logische Kriterien zu akzeptieren.
Wenn wir die Pluralität von Rationalitäten anerkennen, riskieren wir, eine gemeinsame Sprache für die Diskussion von Menschenrechten, wissenschaftlichen Fakten und Gerechtigkeit zu verlieren. Der Ausweg liegt nicht in der Wahl einer Position, sondern im Bewusstsein, dass jedes Dialogmodell in bestimmten Kontexten funktioniert und seine eigenen Kosten hat (S004).
